Denk@nstoß

Lessings "Nathan" in unserer Zeit


Historischer Hintergrund
Lessing
Gemälde von O.May: Archiv für Kunst und Geschichte in:
Dieter Hildebrandt: Lessing. Eine Biografie. Reinbek bei Hamburg, 1990

Zu "Nathan der Weise"

Lessing setzt sich als Aufklärer bereits früh mit der Situation der Juden in Deutschland auseinander und gibt im Jahre 1752 mit vierundzwanzig Jahren in einer Auswahl an poetischen und schriftstellerischen Arbeiten unter dem Titel "Schriften" seine Dramen "Die Juden" und Teile der "Rettungen" heraus.
In diesen frühen Werken beschäftigt sich Lessing mit der Frage nach der Ursache von Vorurteilen und den Hindernissen der Toleranz. Beide Werke gelten als Vorarbeit auf das viel später entstandene Drama "Nathan der Weise", erschienen im Jahre 1779, in welchem Lessings aufklärerisches Gedankengut vollste Reife erfahren hat. Der Anlass zum Schreiben dieses Dramas liegt in dem vom Braunschweiger Herzog verhängten Schreibverbot für Lessing in Religionsdingen. 1778 gab Lessing die Schriften des verstorbenen Professors Reimarus heraus, in denen dieser sich sehr kritisch mit theologischen Fragen auseinandersetzte. Lessing wurde von der kirchlichen Orthodoxie stark für diese Schriften angegriffen, besonders von dem Hamburger Hauptpastor Melchior Goeze. Mitten in dem Streit gelang es Goeze, bei Lessings Dienstherren, dem Braunschweiger Herzog, eine Zensur für die theologischen Veröffentlichungen zu erwirken. Lessing aber gab nicht auf und setzte die Auseinandersetzung mit anderen Mitteln, auf seiner "Kanzel, dem Theater", mit seinem Drama "Nathan der Weise" fort.


Zum Inhalt des Dramas

Lessing verlegt die Handlung seines Dramas aufgrund seines Schreibverbots in Religionsdingen nach Jerusalem in die Zeit der Kreuzzüge. Hier berühren sichh die drei großen Weltreligionen Judentum, Christentum und Islam. Bei einem Pogrom, dem Pogrom von Gath, hat der Jude Nathan durch die Hand der Christen seine ganze Familie verloren. Er hat darauf ein christliches Waisenkind, Recha mit Namen, als seine Tochter angenommen und erzogen. Bei einem Brand in Abwesenheit von Nathan wird Recha von einem christlichen Tempelherren, einem Gefangenen des Sultans Saladin, gerettet. Später stellt sich heraus, dass der Tempelherr und Recha Geschwister und Kinder des verschollenen Bruders des Sultans Saladin sind. Diese Verwandtschaft hat symbolischen Charakter. Es erweisen sich die unter dem Schutz des Juden Nathan erzogene Recha, der christliche Tempelherr und der islamische Saladin als Glieder einer einzigen Familie. Dies kommt auch in der Ringparabel zum Ausdruck; in einem Gespräch fragt Saladin den Juden Nathan nach der wahren Religion. In der lehrhaften Erzählung teilt Lessing durch die Rede Nathans seine aufgeklärte und tolerante Ansicht in Religionsdingen mit.
Der jüdische Schriftsteller und Philosoph Moses Mendelssohn, welchen Lessing am Anfang der 50er Jahre in Berlin kennen und schätzen gelernt hat, dient Lessing als Vorbild für den Juden Nathan in seinem Drama.


Zur Geschichte der Juden

Um die Umstände zu verdeutlichen, die jene Aufklärer dieser Zeit geradezu zwangen, sich für die Rechte der Juden einzusetzen, muss erst einmal in Kürze die Geschichte der Juden sowie ihre Situation, Rechtslage und ihr Status zu Lessings Zeit näher erläutert werden:
Von der römischen Herrschaft nach zahlreichen Kämpfen aus Judäa verdrängt, verließ ein großer Teil der Juden um 70 nach Christi Geburt ihr Heimatland und siedelte sich in verschiedenen Ländern Europas an. Durch die sittenstrenge Lehre ihrer Religion und die Ausgrenzung der Juden in ihren neuen Siedlungsräumen mischten die Juden sich nie wirklich mit der restlichen Bevölkerung, behielten ihre Traditionen, Religion und weitestgehend ihre hebräische Sprache bei.
aus: Karlheinz Diedrichs u.a. (Hrsg.): Goethe & Co. Deutschbuch für die Sek.II. Bamberg, 2000

Während das vorchristliche Rom gegenüber anderen Religionen äußerst tolerant war, solange diese nicht seine Macht gefährdeten (Juden wurde zeitweise das römische Bürgerrecht zuerkannt), ging das neu aufkommende Christentum äußerst brutal gegen Andersgläubige vor. Als sich alle in Europa sesshaften Völker der neuen Religion einverleiben ließen, blieben die Juden als einziges Volk standhaft, ihre Religion und Kultur zu wahren, was eine noch größere Abgrenzung der Juden von den Christen bedeutete. Juden wurden verfolgt, verbrannt, besaßen kein Bürgerrecht. Seit dem Mittelalter hatten die Juden in Europa wenig beruflichen Spielraum, nur Medizin durften sie studieren. Vom Handwerk und den meisten anderen Berufen waren sie weitestgehend ausgeschlossen. So kam es, dass die Juden zu einem großen Teil von Geldgeschäften lebten, denn das war ihnen nicht verboten. Auf diese Art und Weise entstand schnell der Eindruck in der Bevölkerung, Juden seien unehrlich, halsabschneiderisch und faul. Auf die jüdische Bevölkerung wurden die meisten Verbrechen geschoben. Sie dienten so als Sündenbock.
An dieser Situation ändert sich auch wenig im ausgehenden Mittelalter, auch nicht in der Renaissance und wenig im aufgeklärten Absolutismus des achtzehnten Jahrhunderts, der Zeit Lessings, Friedrichs II. und Moses Mendelssohns.
Aufgrund des stetigen Kampfes der Aufklärer jener Zeit gelang es weniger als ein Jahrhundert später, zeitweilig eine Emanzipation der Juden zu erreichen. In der Zeit des 19. Jahrhunderts werden allerdings erste Theorien des Rassismus aufgestellt, die viele Anhänger fanden und sich in verachtenswertester Weise gegen das jüdische Volk richteten.
Im Dritten Reich eskalierte die Situation und mit dem Mord an über 6 Millionen Juden durch das Nazi-Regime bricht die europäische Geschichte der Juden mehr oder weniger ab. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde den Juden nach Jahrtausende langer Vertreibung und Verfolgung ihr Land Israel und die Stadt Jerusalem zurückgegeben.


Zur Situation der Juden in Berlin in Lessings Zeit

Betrachten wir nun also als Beispiel das Berlin jener Zeit, das Berlin, in welches im Jahre 1743 der 14-jährige Moses Mendelssohn einzieht und in welchem der junge Lessing im Jahre 1748 Fuß zu fassen versucht:
Moses Mendelssohn
Umschlagbild der Biografie von
Heinz Knobloch: Herr Moses in Berlin. Auf den Spuren eines Menschenfreundes, Berlin 1993
Berlin war damals Hauptstadt Preußens und seit 1740 Sitz des augeklärten absolutistischen Herrschers Friedrichs II.
Umgeben war Berlin in dieser Zeit noch von einer Stadtmauer, die den noch mittelalterlichen Stadtkern einschloss, der nur durch die Stadttore zu erreichen war. Um die 100000 Menschen wohnten in Berlin, unter ihnen etwa 2000 Juden.
Fremde Juden durften nur durch ein einziges der vielen Tore die Stadt betreten. Sie bekamen einen Einreiseausweis, sofern sie einen Wohnsitz vorweisen konnten. Diesen Ausweis hatten sie ständig bei sich zu tragen. Wenn sie die Stadt wieder verlassen wollten, hatten sie nicht das Recht, sie wieder zu betreten. Die jüdische Gemeinde war deshalb daran interessiert, auf die einreisenden Juden zu achten, da jeder nicht aufgeklärte Diebstahl auf die Juden geschoben wurde und die Gemeinde ferner für jeden ausgebrochenen Brand in der Stadt Geld zu entrichten hatte. Es war ihnen untersagt, sich selbst an den Löscharbeiten zu beteiligen.
Junge Juden wurden von früher Kindheit an in der Heiligen Schrift unterrichtet und lernten so Schreiben und Lesen, allerdings nur auf Hebräisch. Sie konnten also weder nichtjüdische Texte lesen noch verstehen. Sie waren folglich von allen neuen Strömungen der Bildung abgeschnitten. Das erklärt zum Teil auch, warum ein Großteil der Juden dieser Zeit in der Regel keineswegs aufgeklärt - und abgesehen von der Lehre ihrer Religion - ungebildet waren. Die deutsche Schrift und Sprache zu lernen war unter den Juden verboten. Dieses Verbot ging weniger von den Gesetzen der preußischen Herrschaft aus als von der jüdischen Gemeinde selbst, die dafür Sorge trug, dass sich ihre Mitglieder streng an ihre Vorschriften hielten. Wer zum Beispiel als Jude ein nicht jüdisches Buch las, wurde von der jüdischen Gemeinde unwiderruflich aus der Stadt verwiesen. Die gebrächliche Sprache zahlreicher Juden war nicht Deutsch, auch nicht Hebräisch, sondern Jiddisch, einer Mischung aus verschiedenen mittelalterlichen Dialekten und Hebräisch, die sich besonders in Osteuropa bis ins 20.Jahrhundert gehalten hat.


Zum unterschiedlichen Rechtsstatus der jüdischen Bevölkerung unter Friedrich II.

Die jüdische Bevölkerung jener Zeit war nach der neuen Judengesetzgebung in sechs Gruppen unterteilt:
Die oberste Klasse besaß das Generalprivilegium, das heißt, eine sehr kleine Gruppe von reichen Juden besaß alle Rechte eines reichen Staatsbürgers, das Recht Grundbesitz zu erwerben, die freie Wahl des Wohnsitzes, das Bürgerrecht und das Recht, ihren Besitz und Status an ihre Kinder zu vererben. Zu ihnen gehörten vor allem Kaufleute.
Darauf folgen die ordentlichen Schutzjuden, deren Aufenthalt an einem festgelegten Wohnsitz geschützt war. Besitz und Status konnten nur auf zwei der Kinder vererbt werden, sofern sie eine beträchtliche Menge an Vermögen vorweisen konnten.
Die dritte Gruppe waren die außerordentlichen Schutzjuden. Für sie galt das gleiche wie für die vorangehende Gruppe, nur war dieser Status allein auf eine Person festgelegt, also nicht erblich. Ärzte, Maler und Handwerker erhielten vornehmlich diesen Status.
Die vierte Gruppe bestand vor allem aus den Beamten der Gemeinde. Sie trugen den Titel "außerordentlicher Schutzjude", solange sie in ihrem Amt tätig waren.
Die fünfte Gruppe war geduldet, lebte ohne Schutz und war von kaufmännischen und handwerklichen Tätigkeiten ausgeschlossen.
Die letzte Gruppe bestand aus privaten Angestellten, Dienstpersonal und anderen Beschäftigten; sie durften nicht heiraten und nur so lange in Berlin bleiben, wie ihr Arbeitsverhältnis andauerte.
Ferner gab es noch ungeschützte, ausländische Juden, die keiner der Gruppen angehörten und nur so lange geduldet waren, wie ihnen die Gemeinde Unterkunft und Verpflegung gewährte.


Abbruch der Münchener Hauptsynagoge 1938
aus Ekkehard Mittelberg (Hrsg.): Klassische Schullektüre. G.E.Lessing. Nathan der Weise. Berlin, 1997, S.151



© Markus Hille