Denk@nstoß

Lessings "Nathan" in unserer Zeit


Fiktives Lessing-Interview
Herzog August-Bibliothek, Wolfenbüttel
Gemälde von L.Tacke: Archiv für Kunst und Geschichte in:
Dieter Hildebrandt: Lessing. Eine Biografie. Reinbek bei Hamburg, 1990

27. Januar 2001: In der alten Wolfenbüttler Bibliothek trifft eine Göttinger Journalistin auf den Aufklärer Gotthold Ephraim Lessing.


Dieser hatte im 18. Jahrhundert in seiner Ringparabel die Menschheit zu Toleranz, Nächstenliebe und vorurteilsfreiem Handeln aufgerufen. Nun war ihm zu Ohren gekommen, dass diese Gebote in unserem Jahrhundert vielfach ignoriert werden. Um sich selbst von den heutigen Zuständen zu überzeugen, fasste er den Entschluss, eine Reise ins 21. Jahrhundert zu machen.
Als die Journalistin den Raum betritt, sticht ihr sofort die weiße Perücke des betagten Lessing ins Auge. Zur Begrüßung macht er eine steif wirkende Verbeugung.


Journalistin: Guten Abend, Herr Lessing!

    Lessing: Gnädigste Frau, ich bin sehr erfreut, Ihre Bekanntschaft zu machen. Ich bemerke mit Erleichterung, dass wenigstens in diese, mir noch so vertrauten Räume die Schnelllebigkeit Ihrer Zeit noch keinen Zutritt gefunden hat.

Journalistin: Herr Lessing, ich bin natürlich sehr neugierig, was für Eindrücke bei Ihnen auf Ihrer bisherigen Reise entstanden sind.

    Lessing: Ich bin zutiefst enttäuscht über die Zustände, die ich vorgefunden habe. Wie kann es denn sein, dass sich in Glaubensfragen in den letzten 200 Jahren kaum etwas getan hat? So erfuhr ich während meiner Reise, dass sich in Nordirland Christen gegenseitig bekämpfen und dass in dem Staat Israel Juden und Palästinenser sich nicht mit Toleranz begegnen. Wenn ich die deutsche Geschichte der jüngeren Zeit in Betracht ziehe, in der Menschen auf Grund ihrer Religion, Herkunft und politischen Einstellung in Massen vernichtet wurden, bleibt mir fast das Herz stehen, besonders wenn ich höre, dass in Deutschland wieder Synagogen brennen und Friedhöfe geschändet werden.
    Dabei fällt mir eine meiner Äußerungen von vor 200 Jahren ein. Ich darf zitieren:

      "Nein; sie wird kommen; sie wird gewiss kommen
      die Zeit der Vollendung,
      da der Mensch das Gute tun wird, weil es das Gute ist,
      nicht weil willkürliche Belohnungen darauf gesetzt sind."
    Ich war fest davon überzeugt, dass sich diese Wunschvorstellung verwirklichen lässt.

Journalistin: Und nun glauben Sie nicht mehr an die Erfüllbarkeit dieses Wunsches?

    Lessing: Nein, ich muss Ihnen leider sagen, dass ich, nach den Eindrücken, die ich auf meiner Reise durch die heutige Welt gesammelt habe, die Hoffnung auf die Verwirklichung dieses Wunsches aufgegeben habe! Erkennen Sie denn nicht, dass sich das Verhalten der Menschen in Ihrer Zeit, das geprägt ist von Egoismus und Profitsucht, immer weiter vom Kernsatz meiner Ringparabel aus "Nathan der Weise", den ich 1770 verfasste, entfernt?

Journalistin: Würden Sie so freundlich sein, nicht nur mein Gedächtnis, sondern auch das unserer Zuhörer aufzufrischen und den Kernsatz Ihrer Ringparabel vortragen?

    Lessing: Mit Vergnügen! Es ist mir eine Ehre:

      "Es eifre jeder seiner unbestochnen,
      Von Vorurteilen freien Liebe nach!"

Journalistin: Das ist sicherlich ein Satz, an dem man sich orientieren sollte! Aber ich kann mir vorstellen, dass er für einige unserer Leser, die Ihr Drama "Nathan der Weise" nicht gelesen haben, schwer nachvollziehbar ist.

    Lessing: Sie müssen sich das folgendermaßen vorstellen: Auch zu meiner Zeit stellte ich intolerantes Verhalten unter meinen Mitmenschen fest, vor allem in religiösen Fragen. So wurden zum Beispiel damals schon Juden ausgegrenzt, einfach weil vielen der jüdische Glaube fremd war. Wie ich schon im vorangegangenen Gespräch erwähnte, war es das Ziel meiner Schriften und auch das vieler anderer Aufklärer, die Menschen zu vorurteilsfreiem Miteinander und Respekt voreinander zu bewegen. Ich bin der Überzeugung, dass auch die anderen großen aufklärerischen Köpfe in ihrem Kampf für die Freiheit des wissenschaftlichen Verstandes niemals im Sinn hatten, dass Menschen diese geistige Fähigkeit zu einem so grausamen Irsinn wie der Rassenideologie und deren Konsequenzen in Ihrem Jahrhundert nutzen.

Journalistin: Herr Lessing, haben Sie vor, Ihre Reise durch die heutige Welt fortzusetzen?

    Lessing: Gnädige Frau, ich muss Ihnen ehrlich sagen, dass ich von den Erfahrungen, die ich gemacht habe, sehr mitgenommen bin und vorhabe, meine Reise hier abzubrechen.

Journalistin: Ich bedanke mich für dieses Gespräch, Herr Lessing.

    Lessing: Es war mir ein Vergnügen. Leben Sie wohl!



© Lisa Kleyhauer, Julia Schöning, Lena Twardowski