Denk@nstoß

Lessings "Nathan" in unserer Zeit


Kurzgeschichte zum Pogrom von Gath








Das Haus in Gath

Vor einem Monat hatte Nathan Elias gebeten, seine Familie bei sich aufzunehmen, bis sich die Unruhen zwischen Juden und Christen in Jerusalem gelegt hatten. Gath lag abgelegen genug, um Schutz vor herumstreunenden Banden zu bieten und Elias' Anwesen wiederum lag etwas außerhalb in den Bergen vor den Stadtmauern. Wenn es einen sicheren Ort auf Gottes großer Welt gab, dann dieses Haus.
Ebekah, seine gute Ebekah, hatte sich zunächst geweigert, Nathan allein zu lassen. "Wir haben niemals jemandem etwas getan, und selbst die Christen achten dich! Niemand wird wagen, uns etwas anzutun. Und wer soll sich um dich kümmern, während wir Elias auf der Tasche liegen?" Wie sich herausstellte, hatte Ebekah - wie so oft - Recht gehabt. In den vier Wochen, die seit ihrem Abschied vergangen waren, hatte Nathan nicht ein unfreundliches Wort auf der Straße gehört. Es war Zeit, dass er sie nach Hause holte. Nathan lächelte, er sehnte sich so sehr danach, sie alle wieder um sich zu haben!
Er war auf dem Weg zu Elias, kurz vor dem Ziel, in den letzten Hügeln vor der Stadt. Für Karawanen waren diese Schluchten und schmalen Pfade nicht begehbar, sie nahmen den Umweg außen herum, aber für einen Mann zu Fuß war dies der schnellste Weg zum Haus seines Bruders. Es war ein trockener, heißer Tag und Nathan hatte nur noch die Notreserve in seinem Wasserbeutel, er wünschte sich den Schatten eines Hauses und seine Frau, die ihm einen Becher Wasser reichte. Endlich würde er sich bei Elias für den Aufwand entschuldigen und seine Lieben zurückholen.
Er stellte sie sich vor, wie sie aus der Tür gelaufen kämen, wenn sie ihn am oberen Ende der Treppe sahen: Josua wie immer vorne weg, etwas zurück Jeremias, sein Zwillingsbruder, der wahrscheinlich Benjamin, den Jüngsten, auf den Armen tragen würde. Dann der helläugige, flinke David. Mirdin würde ihn unauffällig in den Rücken schubsen, um ihn anzutreiben und gleichzeitig Nathan spitzbübisch für dieses schlechte Benehmen anlächeln. Er war erst sechs, aber schon so gewitzt wie der beste Anwalt. Und ganz am Ende Simon, bedächtig und ernst würde er seinen Vater genau mustern, bevor er das Wort an ihn richtete.
Nathan lächelte. Und Ebekah steht hinter ihnen und winkt ihm zu. Er konnte es kaum erwarten, sie wiederzusehen.

Ein leichter Rauchgeruch lag in der Luft, als er um die letzten Felsen bog. Es war gerade die Zeit, in der Elias' Frau Rebekka das Abendessen vorbereitete. Noch zwei Schritte und er würde das Haus sehen. Von dort führte eine Treppe in das kleine Tal hinab...
Nein.
Der Rauch... er kam nicht von einem Kochfeuer... Das Haus war eine brennende Ruine, ein schwarzer Schmutzfleck, der sich gegen den beige grünen Boden des Tals abhob.
Nein...
Von Nathans Standort reichte der Blick bis nach Gath, auch dort erhoben sich Rauchsäulen gegen den blaßblauen Himmel.
Nein...
Sein Blick irrte zurück, er sah schwarze Gestalten am Boden liegen...
Nein!
Nathan wusste nicht, was er fühlte oder tat, als er die Treppe hinunterstürzte wie ein Besessener - wenn nicht er jetzt, wer war dann je besessen gewesen? Zwischen den aschebestäubten, versengten Überbleibseln von Rebekkas liebevoll gepflegtem Garten fand er zehn verkohlte, zerbrechliche, Gestalten, die sich ewig grinsend auf dem Boden krümmten und ihm die brüchigen Hände entgegenstreckten.
Jeremias lag eng bei Josua, selbst im Tod waren sie einander noch so gleich, dass es nur sie beide sein konnten. Einer von beiden schmiegte Benjamins winzigen Körper an sich, er fand sie als erstes, auf den ersten Treppenstufen. Gott allein wußte, wie sie es bis dort geschafft hatten. Ebekah erkannte er nur am Ring, den er ihr vor Jahren zur Geburt von Mirdin, ihrem Ältesten geschenkt hatte. Sie war unter den Trümmern eines Anbaus begraben, nur ihre Hand ragte heraus, das Gold des Ringes auf ewig mit ihrem zierlichen Mittelfinger verschmolzen. Die kleine Perle glänzte im Sonnenlicht.
Nathan sollte nie erfahren, wie lange er dort gesessen hatte und die Hand seiner Frau umklammerte. Tränen liefen ihm über die Wangen, aber dem bröckelnden Fleisch seiner Lieben konnte die kühle Flüssigkeit keine Linderung mehr verschaffen.
Was war hier geschehen? Mit blinden Augen sah er sich schließlich um, wischte sich mit Asche verschmierten Händen über die Augen und sah endlich wieder etwas klarer. Dort, wo das Grundstück an den Karawanenweg nach Gath grenzte, hatten ungeschickte Hände aus geschwärzten Balken ein Kreuz errichtet. Auf unsicheren Füßen stolperte Nathan darauf zu. Mit Blickrichtung zur Straße hing ein Schild daran, in das grob eingeschnitzt einige lateinische Worte standen. Die Grammatik war fehlerhaft. Selbst er hätte es besser formulieren können. Was für ein absurder Gedanke.
Es dauert etwas, bis Nathan alles übersetzt hatte. Interfectus estis Christum. Sacra terra abii aut pendetis! - Ihr habt den Christus getötet. Verlasst das Heilige Land oder bezahlt dafür!
"NEIN!" Jetzt, erst jetzt schrie Nathan. Nicht die Christen, nicht in Gath, nicht in Elias' Haus! "Nein!" brüllte er noch einmal. Warum taten die Christen das? "Oh bitte..." wimmerte er. Warum mussten sie alle sterben?

Für eine lange, dunkle Zeit, brannte der Hass in ihm und nur der Hass. Alles, was früher einmal Nathan ausgemacht hatte, war so tot wie seine Familie. Jeder Christ sollte seinem Gott danken, Nathan in dieser Zeit nicht begegnet zu sein, denn dieser lernte, was der Wunsch zu Morden wirklich ist und von seinem Friedenswillen war nichts geblieben als ein leerer Fleck in seinem Herzen, neben dem Ort, den seine Familie bewohnte. Er verließ das Haus in den Bergen und wanderte über die Straßen, von Dörfern oder Städten hielt er sich fern, ohne es zu merken. Wenn er nicht weinte und schluchzte, fluchte und tobte er oder wanderte wie ein lebender Leichnam durch den Staub.
Er glaubte nicht mehr an die Güte Gottes. Er glaubte nicht mehr an Güte irgendeiner Art. Der Herr war grausam, er fand sein Vergnügen am Leid der Menschen - und wer konnte es ihm verdenken, wenn auch Christen zu den Menschen zählten? Und wenn er nicht grausam war, so war er gleichgütig, er hatte sich von seinen Kindern abgewandt und ließ sie ihre Kämpfe führen, bis er seine misslungene Brut ein für allemal los war.
Das alles und noch mehr schrie Nathan seinem Gott entgegen, spuckte ihm ins Gesicht und hätte noch mehr getan, wenn er gekonnt hätte.

Die Sonne ging unter und Nathan kniete im Staub, bearbeitete die verhasste Erde mit seinen Fäusten, Tränen auf den Wangen, als er an Ebekahs Augen dachte und das Lachen von Mirdin, während Gott den Himmel in seiner größten Pracht ausmalte. Und als Nathan die Hände nicht mehr heben konnte und für dies mal keine Tränen mehr hatte, rollte er sich auf den Rücken und sah das Feuerspiel und das warme Blau der Abenddämmerung und den ersten Stern.
"Und doch ist Gott", dachte er wiederwillig. Und Gott ist groß.
Denn als er dort lag, wurde ihm die unermessliche Kraft und Größe und Schönheit seines Gottes wieder bewusst und er fühlte Bewunderung. Seine Gedanken wurden wieder klarer und ein Stück des alten Nathan kehrte zurück. Wer kann jemals hoffen, Gott zu verstehen, fragte er sich. Wer kann wissen, wohin sein Plan letztendlich führt? Und welche Rolle er selbst darin zu spielen hat? Und wer kann gegen das Schicksal ankommen, dass ihm zugedacht wurde. Der Herr ist groß. Wir müssen ihm vertrauen. Was können wir sonst tun?
Nathan musste daran glauben, dass der Tod seiner Familie einen Sinn hatte, es war das Letzte und Einzige, was er ihnen geben konnte. Er erinnerte sich an Hiob und wie er von Gott weit härter geprüft worden war als Nathan und wie er trotzdem fest im Glauben geblieben war. "Der Herr schmiedet seine Waffen in Feuer und Leid." Er kannte die Stimme nicht, wusste nicht, ob es eine Erinnerung war oder etwas anderes oder woher der Satz kam. Aber er wusste mit absoluter Sicherheit, dass es die Wahrheit war und dass der Herr ihn zu einem passenden Hilfsmittel für sein Werk gehämmert hatte.
Nathan stand auf und sah sich um. "Ich will es tun, Herr!", rief er mit brüchiger Stimme und trockenem Hals, "was immer du verlangst!"
Die Trauer um seine Familie würde niemals nachlassen und er würde sie vermissen bis an sein Lebensende, aber er wusste jetzt, dass er damit würde leben können.

Er hörte Hufgetrappel hinter sich und als er sich umwandte, saß dort ein christlicher Mönch auf einem Pferd, beide völlig verausgabt und am Ende ihrer Kräfte. Als der Mann ihn sah, rutschte er vom Pferd. In den Armen hielt er ein Bündel; es regte sich leicht und ein leises Wimmern war zu hören. Nathan ging auf den Mönch zu.
Er wusste bereits, was passieren würde, und lächelte.



© Kirsten Lang