Andere Projekte dieser Art an der BBS3


1990 wurde an der BBS 3 ein Mahnmal gebaut, das die Auszubildenden mit ihren Lehrkräften im Berufsschulzentrum anregen sollte, sich mit jüdischer Geschichte und Kultur auseinanderzusetzen. Vor der Errichtung unseres Schulgebäudes im Jahre 1970 standen auf dem Gelände die Häuser Ohestraße 8 und 9, die vor der Entrechtung der jüdischen Bevölkerung in Hannover als Kulturzentrum genutzt wurden (Kindergarten, Bibliothek, Lehrerausbildung, Sozialstation, etc). Ab 1941 wurden u.a. hier die Hannoveraner/innen jüdischen Glaubens zusammengepfercht und in die baltischen Konzentrationslager transportiert. Nach der Befreiung 1945 durch die Alliierten wurden hier ehemalige Häftlinge, aus allen Teilen Europas stammend, versorgt und untergebracht. Klassen aller Ausbildungsberufe haben sich in der "Geschichtswerkstatt Ohestraße" mit der Historie dieses Ortes und dem Holocaust befasst.

Die letzten Projekte waren:
1998 - "Menschenrechtsverletzungen im KZ Drütte":
Auszubildende haben anhand von Quellenstudien in Salzgitter Biographien von ehemaligen Häftlingen studiert, die in ihrem Alter waren. Den Alltag dieser Zwangsarbeiter/innen haben sie mit ihrem verglichen, sehr fantasievoll gegenübergestellt und in einer Austellungseröffnung einem breiten öffentlichen Publikum erläutert und präsentiert.
2000 - KZ Ahlem - Gegen das Vergessen (Teil 1):
Angehende Vermessungstechniker/innen haben die verbliebenen Fundamentreste auf dem ehemaligen Lagergelände aufgemessen um anhand der Ergebnisse einen Lageplan zu erstellen, bevor eine geplante Bebauung die Spuren dieser grauenvollen Geschichte endgültig verwischt haben wird. Dafür wurden sie beim Niedersächsischen Schülerfriedenspreis 2000 mit dem 6. Platz ausgezeichnet. Weitere fünf Klassen begleiteten das Projekt im Politikunterricht: Die Folgen der Rassenideologie der Nationalsozialisten. Zum Schluß hatten alle Beteiligten die Möglichkeit ehemalige KZ- Insassen aus Israel zu befragen.



In diesem Schuljahr wurde das Projekt fortgeführt. Es gliederte sich in fünf Abschnitte:
  1. Unterrichtsreihe: Lebens- und Arbeitsbedingungen im KZ Ahlem
  2. Geschichte des Lagers
  3. Unterrichtsgespräche mit Zeitzeugen
  4. Bau der Stelen

  5. Festakt am 08. Mai 2001 an der BBS 3

Unterrichtsgespräche mit Zeitzeugen


Am 8.Mai standen vier ehemalige Häftlinge des KZ Ahlem und einer der Befreier des Lagers für drei Klassen zu einem Gespräch zur Verfügung. Es waren Ben Sieradzki, Sol Bekermus, Morris Lipson und Vernon Tott als ehemaliger US-Soldat.
Das Gespräch, bei dem die SchülerInnen eigentlich Fragen stellen sollten, verlief zunächst sehr stockend, da niemand so recht wusste, wie man diesen Menschen gegenüber auftreten und Fragen richtig stellen sollte. Die Spannung wurde aufgelöst, indem die Frage nach den einzelnen Schicksalen gestellt wurde.
Vernon Tott, ein ehemaliger GI aus den USA, nahm das Wort an sich und berichtete, wie es überhaupt dazu kommen konnte, dass man nach 56 Jahren wieder in Hannover zusammensitzt. Benjamin Sieradzki, ein ehemaliger KZ- Häftling, erinnerte sich, dass in den Tagen nach der Befreiung ein US- Soldat Fotos von den grausamen Zuständen im KZ gemacht hatte. Um einmal einen wirklichen Beweis für den Holocaust in Händen zu halten, schrieb er einen Leserbrief in einer amerikanischen Veteranenzeitung, in dem er nach diesem Soldaten suchte. Und er fand Vernon Tott, der seine fotografierten Bilder bislang 50 Jahre in seinem Keller verstaut und vergessen hatte. So kam es zu ersten Kontakten, durch die sich 1995 in den USA 17 weitere Überlebende fanden. Unterrichtsbesuch
Jeder der Überlebenden hatte eine beeindruckende Geschichte zu erzählen. Morris Lipson verlor, wie auch alle anderen, seine ganze Familie durch das Nazi- Regime. Sol Bekermus war vor seiner Gefangenschaft in Ahlem sogar in Ausschwitz inhaftiert. Chaim Liss ist der Jüngste von allen. Er war erst 13 Jahre alt, als es zur Befreiung kam. Einstimmig berichteten alle Überlebenden von den Tagen nach der Befreiung. Von der Enge und den unvorstellbar grauenvollen und menschenunwürdigen Zuständen befreit, wurden sie gebadet und medizinisch versorgt. Am stärksten prägte sich aber die Errinnerung an die weißen Betten ein, in die sie gelegt wurden, nachdem man so lange Zeit auf verlausten Strohmatten geschlafen hatte.
Nachdem jeder sein Schicksal erzählt hatte blieb leider keine Zeit mehr, Fragen zu stellen, die nach den Schilderungen der einzelnen Lebensumstände sicher leichter gefallen wäre.

Bau der Stelen


Die Tafeln wurden im Fachunterricht der Klasse FSL 1 A (Schilder- und LichtreklameherstellerInnen) hinsichtlich Größe, Material und Schriftgestaltung entworfen. Angehende BauzeichnerInnen erstellten eine Zeichnung, die MAM 3 A (Anlagenmechaniker) entwarfen und bauten das tragende Stahlgerüst mit den erforderlichen Verbindungen und Befestigungen. Im Politikunterricht wurde das Projekt begleitet: Die Auszubildenden setzten sich mit den Folgen der NS-Rassenideologie und den eklatanten Menschenrechtsverletzungen am Beispiel des KZ Ahlem auseinander.
Stelenherstellung Einige Schüler der MAM3A beim Fertigstellen der Tafeln mit dem Befreier Vernon Tott und dem Überlebenden Benjamin Sieradzki






Festakt



Zum Festakt am 8. Mai in unserer Schule beehrten uns neben den Ehrengästen aus den USA und Israel Prof. Rolf Wernstedt, Präsident des Niedersächsischen Landtages, Bernd Strauch, Bürgermeister der Stadt Hannover, Michael Fürst, Vorsitzender des Landesverbandes der jüdischen Gemeinden in Niedersachsen, Herr Heimann von der Deutsch-Israelischen Gesellschaft und viele andere mehr aus Stadt und Land. Festakt
Nach den einleitenden Worten des Schulleiters Fritz Stöckers und den Grußworten von Prof. Wernstedt berichtete Mr. Ben Sieradzki aus Berkeley in Californien stellvertretend für die anwesenden früheren Zwangsarbeiter, was unsere Eltern-, Großeltern- oder Urgroßelterngeneration diesen Teenagern antaten. Wir hatten es schon im vorangegangenen Unterichtsgespräch erfahren. Gleich nach dem Überfall der Deutschen Wehrmacht auf Polen 1939 wurden sie aus einer behüteten Kindheit gerissen. Nur wegen des jüdischen Glaubens wurden sie und ihre Familien entrechtet, enteignet, erniedrigt, misshandelt und ins Getto Lodz gesperrt. Hier mussten sie für deutsche Firmen kriegswichtige Güter herstellen. Wer nicht arbeitsfähig war, wurde "aussortiert". Mr. Sieradzki musste mit ansehen, wie seine verletzten Eltern auf grausamste Weise in einen LKW geschleift wurden, in dessen Innenraum die Menschen auf dem Weg zum Massengrab vergast wurden. - 1944 wurde Lodz von der deutschen Besatzung für "judenrein" erklärt und das Getto aufgelöst. Alle Bewohner wurden in Viehwaggons ins KZ Auschwitz transportiert, dort wieder nach arbeitsfähig oder lebensunwert, was die sofortige Vergasung bedeutete, sortiert. Von Auschwitz wurden einen Monat später 1000 Lodzer Juden nach Hannover verfrachtet, wo sie vorerst bei der Continental AG in Stöcken ohne Schutzkleidung mit giftigen Säuren, heißem Gummi 12 h am Tag arbeiten mussten, ohne ausreichend Wasser, Nahrung und Kleidung, begleitet von brutalen körperlichen Übergriffen der deutschen Vorarbeiter und SS Mannschaften. Sie wurden in ein Nebenlager vom KZ Neuengamme in Ahlem verlegt, um dort für kriegswichtige Produktion Stollen auszubauen. Die Arbeitsbedingungen im Stollen, die Behandlung durch SS und Kapos, die Ausstattung der Baracken, die hygienischen Bedingungen waren außerhalb jeglicher menschlicher Vorstellungskraft. Die Anzahl der Toten steigerte sich täglich. Mr. Vernon Tott, der am 10. April 1945 als einer der ersten amerikanischen Soldaten von Westen her das Lager erreichte, berichtete Grausames: Leichenberge überall, die toten Körper bestanden nur noch aus Knochen mit Haut darüber, ebenso sahen die noch Lebenden aus. Der Gestank war unerträglich. Er hielt dies Unvorstellbare am nächsten Tag mit einer Kamera fest, um es der Nachwelt nicht nur erzählen, sondern es auch zeigen zu könnten. - 55 Jahre später machte ihn Ben Sieradzki ausfindig, die Bilder lagen in einem Schuhkarton im Keller, 17 weitere Überlebende fanden sich über diese. Ben Sieradzki
Von den ca. 750 im Lager Umgekommenen konnte die BBS3 aus verschiedenen vorhandenen Listen und Eintragungen im Totenbuch des Seellhorster Friedhofs 299 Namen ausfindig machen. Sie wurden auf Kupferplatten eingefräst. Die Stelen wurden von den Azubis der Klass MAM 3 A würdevoll an die Stadt Hannover, vertreten durch Bürgermeister Strauch, übergeben. Vom Tiefbaukurs des BGJ - Bautechnik werden sie im Juni am KZ Mahnmal in Ahlem mit Fundamenten eingebaut. Alle Redebeiträge beeindruckten und berührten viele zutiefst. Das musikalische Rahmenprogramm, Lieder vorgetragen von Vokalensemble des Europäischen Zentrums für Jüdische Musik unter der Leitung von Andor Izsak, vollendete den alle sehr bewegenden, würdevollen, festlichen Akt. Stelenübergabe

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